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Wagner und wir
Abriss einer Chronik
Unser Koblenzer Wagnerverband feiert sein 75-jähriges Bestehen, seine Gründung am 18. Juni 1934 durch Carola Hasslacher.
Es hätte aber auch anders und vier Jahre früher sein können, und dann hätte die Gründerin Gabriele Humperdinck geheißen, die Schwiegertochter des „Hänsel und Gretel“-Komponisten und Wagner-Mitarbeiters Engelbert Humperdinck. Der Auftrag an sie aus Bayreuth, ihr Brief aus Boppard an den Oberbürgermeister von Koblenz, Dr. Russell, die Vereinbarung eines Gesprächs zusammen mit dem Intendanten des Musikinstituts und dem Musikdirektor sind im Koblenzer Stadtarchiv dokumentiert. Und auch die Absage des Termins wegen der Erkrankung von Frau Humperdinck. Der Rest allerdings ist Schweigen …

Ein Foto aus Bayreuth als Dankeschön an die Gastgeber in Koblenz, insbesondere an Carola Hasslacher aus dem Hause Deinhard. „Herrn und Frau Hasslacher, als kleines Zeichen herzlicher Dankbarkeit für die gütige Gastfreundschaft überreicht, und zur Erinnerung an das Coblenzer Concert 4. Jan. 1928.“ Zwei Jahre später starb Siegfried Wagner, den hier die Söhne Wolfgang und Wieland einrahmen. Die Schwiegertochter Richard Wagners, Winifred, mit den Töchtern Verena und Friedelind, überlebte ihren Mann fünfzig Jahre, bis 1980.
So war es also Frau Carola Hasslacher aus dem Hause Deinhard, die 1934, als sich die politische und kulturelle Situation in Deutschland einschneidend geändert hatte, die Koblenzer Ortsgruppe des „Richard-Wagner-Verbandes deutscher Frauen“ – wie es damals noch hieß – gründete. Da war sie siebenundvierzig und längst eine überzeugte Anhängerin des Komponisten und seines Werks. Sie war in Bayreuth gewesen, hatte Winifred, die Schwiegertochter Richard Wagners, kennen gelernt, und auf deren Anregung soll die Gründung des Ortsverbandes in Koblenz zurückgegangen sein.

Die junge Carola Hasslacher, geboren 1886 als Bankierstochter Braun in Saarbrücken, heiratete den Mitinhaber des Koblenzer Wein- und Sekthauses Deinhard 1908. Sie gründete 1934 den Koblenzer Richard-Wagner-Verband und führte ihn auch nach dem Krieg, ab 1949, bis zum Wechsel im Vorstand 1970.
Die Häuser stehen noch immer Seite an Seite, das Koblenzer Theater und der frühere Firmensitz der Sekt- und Weinfirma Deinhard. Seinerzeit führte Alexander Hasslacher im Triumvirat mit Julius und Gerhard Wegeler das Unternehmen. Seine Frau Carola, Bankierstochter aus Saarbrücken, hatte er 1908 geheiratet und mit ihr fünf Kinder. Die passionierte Pianistin engagierte sich Jahrzehnte in den Vorständen des Musik-Instituts und im Verein der Musikfreunde, lud Künstler ein ins Koblenzer Musikleben und in ihre häusliche Gastlichkeit. Junge Menschen wollte sie zur Musik hinführen, was bei Rolf Wegeler, dem jetzigen Vorsitzenden des Musik-Instituts, ganz konkret hieß, dass sie es war, die ihn zum ersten Mal mit in die Oper nahm und als jungen Mann mit nach Bayreuth. Nie ging sie ohne ihren „stummen August“ auf Reisen, ihre zusammenklappbare stumme Klaviatur, um nur ja nicht das ständige Üben zu versäumen.
Im Koblenzer Theater, obwohl es ja klein und historisch beengt ist, wurde schon früh Wagner aufgeführt, „Lohengrin“ als Hauptereignis der Spielzeit 1872/73, „Siegfried“ als Erstaufführung 1904. Es gab Spielzeiten mit fünf, sechs Inszenierungen seiner Werke, und sogar der gesamte „Ring“ wurde in den Monaten Juni und Juli 1924 auf die Bühne gebracht. Intendant Dr. Ludwig Meinecke, Leiter des Hauses von 1912 bis 1926, „schwelgte in Wagner“, heißt es in der Geschichte des Theaters, wie Dramaturg Fritz Bockius sie aufgeschrieben hat. Zum Ende der „Reichsausstellung Deutscher Wein“ und zur Tausendjahrfeier der Rheinlande 1925 nennt die Kölnische Volkszeitung Wagners „Meistersinger“ am hiesigen Theater das passende und glänzende Finale. Auch in den folgenden Jahren gab es die Meistersinger, Tannhäuser, sogar den Tristan und in der Saison 1932/33 nochmals den Holländer.
Das Feld im Koblenzer Kulturleben war also bestellt, als Carola Hasslacher am 18. Juni 1934 den Ortsverband gründete. Den Text des Gründungsaufrufs hat seinerzeit die Koblenzer Volkszeitung abgedruckt. Er kündigt Einführungsvorträge zu Wagners Bayreuther Aufführungen an, die der musikalische Beirat des Vereins und Chefdirigent des Stadttheaters, Wolfgang Martin, halten werde. „Außerdem ist als etwas Besonderes vorgesehen, Karten für die Festspiele zu erwerben, die dann an die Mitglieder“ – anfangs waren es wohl 22 – „verlost werden.“ Der Gründungsaufruf appelliert an die Frauen (aber „als unterstützende Mitglieder [sind] deutsche Männer willkommen“), mit ihrem Jahresbeitrag von mindestens drei Reichsmark, zahlbar in zwei Raten, der Stipendienstiftung ihr Werk zu finanzieren. Die Stiftung, gegründet schon 1882, sollte „unbemittelten würdigen Volksgenossen“ den Besuch der Bayreuther Festspiele ermöglichen. Der Gründungstext des Koblenzer Richard-Wagner-Verbandes ist vom Stil des Nationalsozialismus geprägt, keine Frage, und endet ebenso zeitüblich mit „Heil Hitler!“

Engagierte Vorstandsmitarbeiterin in der Nachkriegszeit war die Musikpädagogin Hilde Krauß (zweite von rechts vorne), hier im Kreis ihrer Schüler. Sie war zuvor im Düsseldorfer Verband Vorsitzende gewesen, ehe sie ihrem Mann, dem Theater-Intendanten Prof. Otto Krauß, nach Koblenz folgte.
Den Vorstand bildeten neben Frau Hasslacher als Schriftführerin Elisabeth Conzen und als Schatzmeister Kaufmann Wilhelm Schultheis. Als musikalischer Beirat war Chefdirigent Wolfgang Martin genannt. Es gab außerdem einen Arbeits- ausschuss, in dem auch Theater-Intendant Dr. Hans Preß mitwirkte, sowie einen Ehrenausschuss, in dem sich unter anderen Oberpräsident Freiherr von Lüninck, Oberbürgermeister Wittgen, SS-Gruppenführer Heißmeyer und Prinz Albrecht von Hohenzollern zusammenfanden.
Tatsächlich gab es schon bald darauf, am 12. Juli 1934, ein Wagner-Konzert im Stadttheater. In der Rezension der Koblenzer Volkszeitung wird dem Dirigenten Martin bescheinigt, dass er es fertigbrachte, das Sinfonie-Orchester mit Angehörigen der Arbeitsdienst-Kapelle Koblenz klanglich einigermaßen zusammen- zubringen. Man spielte die Tannhäuser-Ouvertüre und die Vorspiele zum ersten und dritten Akt der Meistersinger. Herbert Hesse vom Opernhaus Frankfurt sang Partien des Wolfram von Eschenbach, des Holländers und des Hans Sachs. Den „Meistersingern von Nürnberg“ galt auch der erste Einführungsvortrag am 16. Juli im Stadttheater, die Plätze ab 30 Pfennig bis hin zu einer Reichsmark für die Loge.

Die erste Vorsitzende und Ehrenvorsitzende Carola Hasslacher (rechts) mit ihrer Nachfolgerin Annelise Schulz-Utermöhl und Generalmusikdirektor Professor Erich Böhlke, der am 10. Januar 1978 ein großes Wagner-Konzert in der Rhein-Mosel-Halle dirigierte.
So
also fing es an, mit Vorträgen und meist kleineren Konzerten, und so
ging es offenbar auch während des Krieges noch einige Zeit weiter, aber
doch so, dass der Koblenzer General-Anzeiger (die Volkszeitung hatte
ihr Erscheinen einstellen müssen) im Oktober 1941 ein bisschen wehmütig
an Wagner-Opern und insbesondere die „Ring“-Aufführungen des
Stadttheaters 1924 erinnerte. Die Villa Hasslacher in der Mainzer
Straße, wie so viele Häuser in Koblenz, wurde zerbombt, und die Familie
fand für geraume Zeit Zuflucht bei den Hohenzollern in der Burg Namedy
bei Andernach. Es findet sich für die Jahre 1942 bis 1944 der Name von
Elisabeth Conzen als Vorsitzende erwähnt, doch ein dokumentarischer
Beleg dafür fehlt. So können wir wohl weiterhin davon ausgehen, dass es
in den
75 Jahren des Bestehens nur vier Vorsitzende des Koblenzer
Wagnerverbandes gegeben hat.
Nach Ende des Krieges wurde der Verein, wie wohl alle 59 Wagnerverbände in Deutschland und wie die Vereine allgemein, aufgelöst. Als sich die Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele abzeichnete, war Carola Hasslacher unter den ersten, ihren Wagerverband am 10. November 1949 aufs neue zu gründen, nun ohne den Zusatz „deutscher Frauen“. Auch das Selbstverständnis hatte sich durch die Ereignisse gewandelt; waren es anfangs vor allem prominente Ehefrauen aus Wirtschafts- und Gesellschaftskreisen gewesen, die auch finanziell das Werk Wagners unterstützen halfen, so öffneten sich die Verbände nun vermehrt den bürgerlichen Musikfreunden, ausdrücklich auch den Männern.
Die Rhein-Zeitung schreibt zu diesem Neuanfang in Bayreuth und Koblenz: „Es ist bemerkenswert, daß sich gerade einflußreiche Kreise des Auslandes für diesen Festspielgedanken einsetzen und damit den weit verbreiteten, aber völlig abwegigen Gedanken, als ob Wagner und Bayreuth nur eine Sache des Dritten Reiches gewesen seien, Lügen strafen. Die Bayreuther Festspiele waren immer Höhepunkte des Kulturlebens, hatten darüber hinaus aber noch die eminent erzieherische Aufgabe, in ihrer Wirkung und ihrem Vorbild auf die deutschen Theater zurückzustrahlen: die aus ganz Deutschland engagierten Solisten, Chor- und Orchestermitglieder nahmen den vorbildlichen Aufführungsstil mit an ihre Bühnen zurück, hielten ihn lebendig und gaben ihn weiter … Der Gedanke und die Arbeit des Verbandes wird vom Intendanten des Stadttheaters, Prof. Otto Krauß, wärmstens begrüßt, und mit ihm wird sich Musikdirektor Otto Winkler nach den Aufführungen des ‘Fliegenden Holländer’ und ‘Tristan und Isolde’ des letzten Jahres bemühen, bald wieder ein Werk von Wagner auf den Spielplan zu bringen …“

Schirmherrin beim Jubiläumskonzert im November 1979 – 70 Jahre Wagnerverband, 45 Jahre Koblenzer Ortsverband, 30 Jahre nach dessen Wiedergründung – war Winifred Wagner, hier in der Wohnung der Vorsitzenden Schulz-Utermöhl im Interview mit dem Feuilleton-Chef der Rhein-Zeitung, Wolfgang Eschmann.
Die
Deinhard-Kongresshalle, in den Fünfziger Jahren gebaut, war oft der
Rahmen für Konzerte und andere Veranstaltungen des Ortsverbandes. Der
Koblenzer Verein traute es sich sogar zu, im Mai 1956 die
Bundesversammlung der Richard-Wagner-Verbände auszurichten. Da war auch
Wieland Wagner aus Bayreuth zu Gast. Die Liste der Mitglieder von 1963
– 114 waren es – vermerkt die Ehrenmitgliedschaft für Heinz Hasslacher
aus dem Hause Deinhard, den Sohn der
Gründerin.
In den Nachkriegsjahren hatte die Vorsitzende die aktive und wirkungsvolle Unterstützung von Hilde Krauß, die in Düsseldorf den dortigen Verein geleitet hatte, bis sie ihrem Mann, dem Theater-Intendanten Professor Otto Krauß, nach Koblenz folgte und in der Stadt auch eine Opernschule führte. So mancher junge Sänger, manche Sängerin aus der Schule Krauß fand als Stipendiat – oder auch als Chormitglied – den Weg nach Bayreuth, wie der Bariton Lothar Nett 1959 oder die Schwestern Sieghild und Winifred Unger 1961. Neun Jahre lang sang die Stipendiatin von 1974, Rita Zimmermann aus Koblenz, im Festspielchor.

Generalmusikdirektor James Lockhart im Gespräch mit der Vorsitzenden Annelise Schulz-Utermöhl. Ein Höhepunkt des Jahres 1983 war das von ihm dirigierte Wagner-Konzert in der Rhein-Mosel-Halle mit den Solisten Berit Lindholm und Siegfried Jerusalem.
Die Stipendien-Stiftung
Diese persönlichen Beispiele leiten über zum Thema Stipendien-Stiftung, deren Unterhalt eine der Hauptaufgaben der Ortsvereine und also auch des Koblenzer Wagnerverbandes ist. Die Idee geht zurück auf Richard Wagner selbst, dessen Utopie es war, dass das Publikum unentgeltlichen Zutritt zu den Vorstellungen haben müsste. Mit der Gründung der Stipendien-Stiftung 1882 wurde zumindest ein Teil dieser – so Wagner – „stolzen Idee“ verwirklicht, indem jungen Künstlern und Bühnenschaffenden das Erlebnis Bayreuth gratis ermöglicht wurde und wird. Ursprünglich gehörte zu den Bedingungen die materielle Bedürftigkeit; danach wird heute nur noch gefragt, wenn auch Reisekosten und Unterkunft bezuschusst werden sollen. Denn die Zeiten sind doch vorbei, als es hieß: „Wird Gemeinschaftsquartier gegen Entgelt von 1,20 DM je Übernachtung und einer einmaligen Schlafsackgebühr von 1 DM gewünscht?“ Aber die Betten im Internat der Bayreuther Handwerkskammer stehen auch heute für einen großen Teil der jungen Leute zur Verfügung.
Die kommen immer noch überwiegend aus allen Regionen Deutschlands, doch hat sich der Kreis der Wagnerfreunde über die Welt verbreitet, und so waren im Jahr 2008 unter den 250 jungen Künstlern rund hundert ausländische aus vierzig Nationen vertreten. Die Zahl der Stipendiaten, die der Koblenzer Verband im Laufe seiner 75-jährigen Geschichte nach Bayreuth entsenden konnte, ist nahe an vierhundert; 343 von ihnen sind seit 1951, seit die Stiftung nach dem Kriege ihre Arbeit wieder aufgenommen hat, namentlich aufgelistet.
Die Ära Schulz-Utermöhl
Carola Hasslacher war 83 Jahre alt, als sie die Leitung des
Koblenzer Wagnerverbandes 1970 weitergab an Annelise Schulz-Utermöhl.
Hintergrund war eine Männerfreundschaft im geistreich-witzigen Zirkel
der „Schlaraffen“ und die Überzeugung des Ehemannes der Neuen: „Wer den
deutsch-amerikanischen Frauenclub leiten kann, der kann auch den
Wagnerverband übernehmen.“ Ein Treffen der beiden Damen beim Tee
besiegelte die Absprache. Es gab Helfer und künstlerische Berater;
dennoch fand sich die neue Vorsitzende ins kalte Wasser geworfen, als
Carola Hasslacher sie 1970 zwar zur Bundestagung der
Richard-Wagner-Verbände nach Kassel begleitete, sie dann aber der
unbekannten Situation überließ. Doch fand sie viel Freundlichkeit,
Hilfsangebote und Solidarität der Bundesvorsitzenden Mercedes Bahlsen
und anderer Frauen, wie sich die spätere Ehrenvorsitzende an die
Anfänge ihrer Tätigkeit erinnerte. Ihre Begleiterin bei der
Vereinsarbeit war von Beginn an Doris Höhmann-Schade, zunächst als
Schriftführerin, bald als Schatzmeisterin. Ihre insgesamt 34 Jahre
währende Tätigkeit wurde später mit der Ehrenmitgliedschaft honoriert.
Carola Hasslacher, die Gründerin und Ehrenvorsitzende, starb 1979. Zur hundertsten Wiederkehr ihres Geburtstages veranstaltete der Koblenzer Ortsverein am 6. September 1986 ein Konzert im Görreshaus mit dem Siegfried-Idyll von Richard Wagner, den Wesendonck-Liedern und einem Septett von Beethoven.
Die Anfänge waren für Annelise Schulz-Utermöhl mühsam. Ihre ersten Rundbriefe sprachen von wenigen Teilnehmern, Absagen und säumigen Zahlern. Doch nach wie vor gab es Vorträge und Konzerte. Auch in diesem Jahr 1970 unter neuer Leitung konnte der Koblenzer Verband Stipendiaten nach Bayreuth entsenden – sechs waren es, welche die „Meistersinger“ und den „Holländer“ erlebten, und die sich dann mit einem Konzert bei einem Adventstee bedankten. Ihre Zahl konnte bis auf den Rekord von dreizehn Stipendiaten 1981 gesteigert werden. Und auch die Mitgliederzahl war um diese Zeit auf rund 170 geklettert. Längst schon waren Konzert- und Opernfahrten in die Umgebung arrangiert, so etwa zum „Ring“ nach Düsseldorf, zu „Elektra“ von Richard Strauss mit Birgit Nilsson und Anny Schlemm nach Frankfurt oder zu Wagners „Tannhäuser“ bei den Wiesbadener Maifestspielen.
Eine
Kuriosität vermerkt das Jahr 1980 mit einer erneuten, also quasi der
dritten Gründung unseres Ortsverbandes. Hintergrund war eine vom
Bundesverband angeregte neue Satzung und die Registrierung als
„eingetragener Verein“. Bei diesem juristischen Vorgang stellte es sich
heraus, dass unser eigentlich schon 46 Jahre alter Ortsverband
vereinsrechtlich quasi nicht existierte. Genügte die 1951 verbriefte
Anerkennung des „überwiegend künstlerischen oder volksbildenden
Charakters“ von Aufführungen des Wagnerverbandes den strengen Regeln
deutschen Vereinsrechts nicht? Oder waren diese Anträge und
Bewilligungen seinerzeit unauffindbar? Jedenfalls setzten sich die zur
Vereinsgründung
erforderlichen sieben Mitglieder zusammen – außer
der Vorsitzenden waren es Fritz Bockius, Ruth Ohnesorge, Doris
Höhmann-Schade, Marga Colla, Hans Mostert und Anneliese Löwer – und
wählten unter sich den eigentlich schon bestehenden Vorstand. Die neue
Satzung und das „e. V.“ gingen über die Bühne.
Höhepunkt im Koblenzer Musikleben war im Dezember des Gedenkjahres 1983 (Wagners 100. Todestag) ein Galakonzert, bei dem James Lockhart die Rheinische Philharmonie und den Madrigalchor dirigierte und die Spendenfreudigkeit der Mitglieder das Engagement von zwei berühmten Sängern wie Berit Lindholm und Siegfried Jerusalem ermöglichte. 1985 ging die Ehrenmitgliedschaft an Fritz Bockius, den Chefdramaturgen, Chronisten und Schauspieler des Stadttheaters, der als 2. Vorsitzender des Vereins so manche Veranstaltung und Besichtigung auf die Beine gestellt hatte. Auch Reisen fanden Eingang ins Programm, manchmal im Anschluss an einen der Internationalen Richard-Wagner-Kongresse – etwa im Mai 1986 nach der Tagung in Wien die Fahrt nach Budapest, oder drei Jahre später der Flug nach New York mit dem „Ring“ in der Met, nach der Wiedervereinigung auch in den neu zu entdeckenden Osten. Anfang Juni 1990 wurde „Siegfried“ konzertant in der Rhein-Mosel-Halle aufgeführt.

Der langjährige Vorsitzende Erich Evertz mit den Stipendiatinnen Lena Koch und Kathelijne Wagner im Garten der Alten Kirche Spay, dem traditionellen Ort der Stipendiatenkonzerte
Die Zeit mit Erich Evertz
1994 feierte der Koblenzer Ortsverband – nunmehr gut 230 Mitglieder stark – sein sechzigjähriges Bestehen mit einer Jubiläums-Matinee in der Deinhard Kongresshalle und einem Festessen im Dorint-Hotel oberhalb Lahnstein. Die achtzigjährige Annelise Schulz-Utermöhl, ausgezeichnet mit dem Ehrenvorsitz des Vereins und dem Wappenteller der Stadt, übergab nach vierundzwanzig Jahren ihr Amt an ihren bisherigen Stellvertreter Erich Evertz. Charakterisierend für seine dann 13-jährige Tätigkeit ist sein Zitat aus der Rhein-Zeitung vom 15. April: „Wir wollen kein Kaffeekränzchen sein. Nicht der Konsum und auch nicht allein das schöne Kulturerlebnis sind unser Bestreben – wir möchten die Neugierde der Menschen auch auf das Unbekannte wecken, wollen die Auseinandersetzung mit Werken und Ideen fördern, Anstoß zur Diskussion geben.“ Dazu passte trefflich der Gesprächsvortrag Götz Friedrichs, des General-Intendanten der Deutschen Oper Berlin, am 16. Mai im Görreshaus über Musiktheater – Kulturzweck und Regietheater.
Es war dem neuen Vorsitzenden also ernst mit der Kultur; zunehmend fanden auch zeitgenössische Werke oder Deutungen sowie weithin Unbekanntes Eingang ins Programm: Beispielhaft seien genannt „Gervaise Macquart“ von Giselher Klebe, „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg, „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold, Luigi Nonos „Intolleranza“, „Lear“ von Aribert Reimann, „Die Gespräche der Karmelitinnen“ von Francis Poulenc, „Die Eroberung von Mexiko“ von Wolfgang Rihm oder „Celan“ von Peter Ruzicka.

Die Urkunde eines Ehrenvorsitzenden wurde beim Stipendiatenkonzert im Oktober 2007 Erich Evertz von seiner Nachfolgerin Odina Diephaus überreicht. Nach 17 Jahren Vorstandsarbeit im Richard-Wagner-Verband war Evertz zurückgetreten.
Das anspruchsvolle Programm schloss interessante und anregende Reisen ein, von denen die Teilnehmer noch lange schwärmten. Ein Schwerpunkt war auch für Erich Evertz die Wieder- oder Neuentdeckung des so lange verschlossenen Ostens mit Fahrten ins Erzgebirge, in den Ostharz, nach Mecklenburg-Vorpommern und in die Lausitz, nach Leipzig, Chemnitz und mehrfach nach Berlin. Etwas Besonderes war der „Ring“ an vier aufeinander folgenden Abenden im thüringischen Meiningen. Höhepunkte waren aber auch Savonlinna in Finnland, Irland, die Reise von Riga über Tallinn nach St. Petersburg oder die reiche Geschichte und Kultur Siziliens.
Die – sparsam verliehene – Ehrenmitgliedschaft des Koblenzer Richard-Wagner-Verbandes ging im April 1998 an den ehemaligen Intendanten der Rheinischen Philharmonie, Hans Richard Stracke, und an Generalmusikdirektor Christian Kluttig. In seiner Ansprache würdigte der Vorsitzende die stete und bereitwillige Zusammenarbeit mit den beiden Ausgezeichneten.
Bei den Neuwahlen 2004 verjüngte sich der Vorstand mit der Stellvertreterin Juliane Berg und dem Schriftführer Matthias Labonte. Ein einschneidender Verlust in der Vereinsführung war der plötzliche Tod im August 2005 von Siegfried Sauerborn, der für Erich Evertz zunächst als Stellvertreter und dann als Schatzmeister eine zuverlässige Ergänzung – und den Mitgliedern ein stets hilfsbereiter Ansprechpartner – gewesen war. So erledigte der Vorsitzende auch die Kassenführung, bis er 2007 nach insgesamt siebzehn Jahren Vorstandsarbeit zurücktrat. Auch er wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt, auch seine kulturelle Arbeit würdigte die Stadt Koblenz mit dem Wappenteller.
Das Diephaus-Team
Die neugewählte Vorsitzende sagt selbstironisch über ihren Vornamen: „Wer Odina heißt, ist doch prädestiniert für dieses Amt …“ Odina Diephaus wurde von der Mitgliederversammlung am 12. März 2007 zur Vorsitzenden gewählt, und mit ihr der zum Teil neue Vorstan
d: Dr. Albin Lütke als Stellvertreter, Wolfgang Gold zum Schatzmeister, Edda Dörr-Wessels als Schriftführerin. Als Beisitzer blieben Juliane Berg und Matthias Labonte im Vorstand, die Sängerin und Gesangsdozentin vorwiegend zuständig für die Stipendiaten, und der Jüngere kennt sich am besten mit den Möglichkeiten der elektronischen Medien aus. Der neue Vorstand versteht sich also als Team.
Odina Diephaus, als Konferenzdolmetscherin lange beim Europäischen Parlament in Brüssel tätig, hat ein waches Gespür für das weltweit wachsende Interesse an Wagners Werk und für die Zusammenarbeit im Richard-Wagner-Verband International. Das Internationale drückt sich zunehmend auch in der Stipendienstiftung aus – sind doch mittlerweile vierzig Nationen beim jährlichen Stipendiatentreffen in Bayreuth vertreten. Die Unterstützung dieser Stiftung ist auch der neuen Vorsitzenden besonders wichtig, ein Gefühl, das sie verstärkt in die Gemeinschaft des Vereins übertragen möchte. In erster Linie natürlich mit dem traditionellen Stipendiaten-Konzert im Herbst, im Miteinander von Vorstandsmitgliedern und Stipendiaten in Bayreuth, aber auch mit der Vorstellung der jungen Künstler in der Jahresversammlung.

Der seit März 2007 amtierende Vorstand schart sich – außer um die Büste des Meisters – um seine Vorsitzende Odina Diephaus. Von links Schatzmeister Wolfgang Gold, Beisitzerin mit Schwerpunkt Stipendiaten Juliane Berg, Stellvertretender Vorsitzender Dr. Albin Lütke, Schriftführerin Edda Dörr-Wessels, Beisitzer Matthias Labonte.
Das anspruchsvolle Kulturprogramm für Mitglieder und Gäste wirdfortgeschrieben. Interessante Eigenveranstaltungen, auch beim monatlichen Wagner-Treff, ergänzen das Angebot. Dazu gehörte diese Chronik in Vortragsform, die Anfang März im Theaterfoyer das Jubiläumsjahr 2009 einleitete.Das Jubiläumsfest
Die Schirmherrin des
Jubiläums, Verena Lafferentz-Wagner, erhielt die Urkunde als Ehrenmitglied,
womit die jahrzehntelange Verbundenheit der Wagner-Enkelin mit dem Koblenzer
Verband gewürdigt wurde.
Am Wochenende des 19. bis 21. Juni 2009 versammelten sich Mitglieder und Gäste aus dem In- und Ausland zum Jubiläumsfest. Die Vorsitzende Odina Diephaus konnte Besucher aus sechzehn deutschen Ortsverbänden sowie aus Wien und Lyon begrüßen. In ihrem Rückblick hob sie die reiche Wagner-Tradition in Koblenz hervor, vom „Lohengrin“ 1881 über den gesamten „Ring“ 1924 bis zur „Walküre“ im Jubiläumsjahr.
Danke
an die Gesprächspartner, Autoren und Institutionen, die am Entstehen der Chronik unseres Ortsverbandes mitgewirkt haben:
· Musikwissenschaftler Dr. Uwe Baur für wertvolle Hinweise
· Das Bayreuther Richard-Wagner-Nationalarchiv
· Ehrenmitglied Fritz Bockius posthum für seine Geschichte des Koblenzer Theaters
· Aus dem Hause Deinhard Rolf Wegeler und seine Schwester Rosemarie
Itschert für ihre Erinnerungen an Carola Hasslacher
· Ehrenvorsitzender Erich Evertz für vorbildlich geführte
Dokumentationen aus dreizehn Jahren Vorsitz
· Paul Götz, Geschäftsführer der Richard-Wagner-Stipendienstiftung in Bayreuth
· Hasslacher-Enkelin Brigitte Overhoff für die Leihgabe historischer Fotos
· Geheim. Bergrat Franz Anton Hasslacher, Bonn, der seine
Familiengeschichte verfasste
· Doris Höhmann-Schade, die aus 34 Jahren Vorstandszughörigkeit berichtete
· Das Koblenzer Stadt-Archiv
· Unser hundertjähriges Mitglied Hans Mostert
· Lothar und Sieghild Nett, Stipendiaten von 1959/1961
· Dr. Helmut Prößlers Festschrift 200 Jahre Deinhard
· Ehrenvorsitzende Annelise Schultz-Utermöhl für ihre Schilderungen und
Aufzeichnungen aus 24 Jahren Vorsitz